Wissenschaftler sieht Wiederaufbau im Ahrtal vor Herausforderungen

04.08.2021 13:07

Sara Reinke Stabsstelle Kommunikation und Medien
Stiftung Universität Hildesheim

Seit den 1980er Jahren forscht Prof. Dr. Wolfgang Büchs, Biologie und Gastprofessor an der Universität Hildesheim, im Mittleren Ahrtal. Er ist Hauptautor einer dreibändigen Monographie über die Region in Rheinland-Pfalz, die von der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 mit am stärksten betroffen ist. Und er sagt nun: „Ohne gravierende bauliche Eingriffe zum Schutz vor Hochwasser halte ich eine Wiederbesiedlung des Ahrtals für sehr schwer“.

Im Ahrtal kam einiges zusammen: Neben den geologischen und morphologischen Gegebenheiten der von engen Kerbtälern durchzogenen Landschaft hat der auch menschliche Einfluss zum Ausmaß der jüngsten Hochwasserkatastrophe beigetragen, fasst Biologe Wolfgang Büchs zusammen. Und nicht zuletzt spielt dabei der Klimawandel eine entscheidende Rolle. „Hochwasser im Ahrtal hat es schon immer gegeben, aber die rezente Flutkatastrophe schlägt alles, was wir aus den Geschichtsbüchern kennen.“

Besiedlung, Versieglung, Flurbereinigung und Flussbegradigungen haben die extremen Folgen des regionalen Starkregens begünstigt, urteilt der Wissenschaftler, der sich mit der landschaftlichen Historie des Ahrtals intensiv beschäftigt hat. Zugleich fehlen technische und bauliche Schutzmaßnahmen, wie sie heute in anderen Regionen – beispielsweise im Harz – üblich sind. „Den Bau von Regenwasserrückhaltebecken im Bereich der Nebenbäche hatte man im Ahrtal schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts geplant, hat sich dann aber entschlossen, stattdessen den Nürburgring zu bauen, um die regionale Wirtschaft zu stärken.“

Nun, 100 Jahre später, zeige sich, dass Renaturierung und Wiederbewaldung – eigentlich die ökologisch verträglicheren Formen des Hochwasserschutzes – in diesem speziellen Umfeld nicht ausreichen. Das Fazit des Biologen: Ein Wiederaufbau und womöglich gar Ausbau der Besiedlung der Talsohlen im Ahrtal ist ohne gleichzeitige bauliche Maßnahmen zum Hochwasserschutz hochgradig riskant. Und auch in anderen Regionen in Deutschland müssen Bauvorhaben in Tälern und Flussniederungen vor dem Hintergrund des Klimawandels Baugebiete künftig anders bewertet werden: „Wir müssen uns darauf einstellen, bestimmte Siedlungsstandort in Deutschland aufzugeben.“

Ein Podcast-Gespräch mit dem Biologen und Hildesheimer Gastprofessor Prof. Dr. Wolfgang Büchs können Sie hier nachhören

https://www.uni-hildesheim.de/media/presse/Videos/210804_Unipodcast_Folge_3_Hoch…

HINWEIS: Nach Aufzeichnung des Gesprächs wurde bekannt, dass der Pegelmesser bei Altenahr bei einem Pegelstand von 5,72 Meter durch die Flut abgerissen wurde – das war bisher noch nie vorgekommen – und daher der tatsächliche Pegelstand deutlich höher gewesen sein dürfte – Berechnungen zufolge bei rund sieben Metern.

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